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Janusz Korczak
Schule für mehrfachbehinderte Kinder
 

Die Feldenkrais-Methode in der Arbeit mit schwer- und mehrfachbehinderten Kindern

 


Simone Schwer, Andreas Wand

www.bvkm.de

In unserer langjährigen Zusammenarbeit an der Janusz-Korczak-Schule, einer privaten Schule mit angegliedertem Kindergarten für schwer- und mehrfachbehinderte Kinder in Freiburg, waren die Bewegungsanbahnung und das Lagern und unterstützende Haltgeben Auslöser vieler Fragen und Anlass intensiver Gespräche.
Die Kinder möchten in Bewegung kommen und sind doch oft so eingeschränkt, dass dies kaum möglich erscheint. Sie wünschen sich Lagerungsvarianten, die ihnen sicheren Halt vermitteln, sie nicht einengen und eine ausgeglichene Körperspannung zur Folge haben. All dies sind Voraussetzungen für selbstbestimmtes Tun, auch wenn es nur in Form einer kleinen Kopf- oder Handbewegung möglich ist.
Jeder, der mit körperlich und mehrfachbehinderten Menschen zusammenlebt oder mit ihnen arbeitet, ob als Familienangehöriger, in der Pflege, als Therapeutin oder Pädagoge, ist mit dieser Situation konfrontiert. Ziel muss es sein, ein ausgewogenes und die Autonomie förderndes Verhältnis zwischen begrenzender Unterstützung und aktivierenden Freiräumen zu schaffen. Doch jeder kennt wohl das Gefühl, an seinem eigenen Anspruch zu scheitern.
Diese Themen haben uns beschäftigt als Physiotherapeutin, die vornehmlich einzeln mit den Kindern arbeitet, und als Heilpädagoge, der innerhalb einer Kindergartengruppe den Tagesablauf mit Beschäftigungen, Essen, Pflege und Pausen gestaltet. Über die Jahre und nach Erprobung vieler therapeutischer und bewegungspädagogischer Ansätze sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es die Lösung nicht gibt.
Die Kinder, die zu uns kommen, sind in ihrer Persönlichkeit wie auch im Erscheinungsbild ihrer Behinderung so unterschiedlich, dass man immer wieder bereit sein muss, sein Konzept umzuwerfen. Auch im pädagogisch-therapeutischen Ansatz muss man einen fließenden und fundierten Wechsel zwischen Bewegen und Halt finden zulassen.

Mit unserer Ausbildung in der Feldenkrais-Methode haben wir ein Konzept kennen gelernt, das diesen Anspruch erfüllt. Die Feldenkrais-Methode nutzt die Bewegung und die taktil-kinästhetische Wahrnehmung für die Reifung aller Aspekte der Persönlichkeit. In den Lektionen erkundet man durch Spüren, wie sich der eigene Körper augenblicklich organisiert. Daraus werden Veränderungsmöglichkeiten entwickelt, welche die Ruheposition oder die Bewegung des Körpers noch besser den situativen Gegebenheiten anpassen. Das Suchen nach weiteren Lösungsvarianten soll die Handlungsfreiheit erweitern. Die Verbesserungen der sensorischen Wahrnehmung und der Bewegung führen gleichzeitig zu einem Voranschreiten der geistigen und emotionalen Entwicklung. Die Probleme wie auch die Lösungen sind individuell verschieden. Man findet eine Lösung, entwickelt Varianten zu diesem Muster und ist bereit, das Muster in einer neuen Situation wieder zu hinterfragen.
Im Folgenden möchten wir vorstellen, wie wir die Feldenkrais-Methode in der Arbeit mit schwer- und mehrfachbehinderten Kindern anwenden. Wir werden einen Überblick über die theoretischen Grundlagen und die Arbeitsweisen der Methode geben. Anschließend werden wir beschreiben, wie die Feldenkrais-Arbeit mit einem Kind aussehen kann und beispielhaft einige Kriterien zu den Themen „Lagerungsgestaltung“ und „Hilfsmittel“ nennen. Zum Schluss soll das Konzept eines Seminars beschrieben werden, in dem wir Angehörigen, Pädagogen und Therapeuten unseren Ansatz vermitteln und ihnen Wege aufzeigen, wie sie Grundgedanken der Feldenkrais-Methode in den Alltag der Kinder übertragen können.


Zur Person Moshé Feldenkrais

MOSHÉ FELDENKRAIS wurde 1904 in Weißrussland geboren und wanderte mit 14 Jahren nach Palästina aus. Nach einer ersten Ausbildung zum Ingenieur, ging er 1928 nach Paris, um an der Sorbonne Physik zu studieren. Während seiner Jahre in Paris unterrichtete er als einer der ersten Europäer auch Judo und schrieb zwei Lehrbücher über diese Methode. 1940 musste FELDENKRAIS nach England emigrieren. Nach dem Krieg kehrte er dann nach Israel zurück und arbeitete dort beim Militär im Bereich der elektronischen Forschung. Im Jahr 1950 gründete er das „Institut für die Erforschung und Verbesserung der Bewegung“. Nachdem er in den 60er Jahren in Tel Aviv eine erste Gruppe von Schülern in seiner Methode unterrichtet hatte, folgten in den 70er und 80er Jahren zwei Ausbildungen in den USA. FELDENKRAIS arbeitete mit vielen Menschen aller Altersstufen und den unterschiedlichsten körperlichen Problemen und Behinderungen. Viele seiner Schülerinnen und Schüler waren Sportler und Künstler, die ihre Technik und ihren Ausdruck verbessern wollten. FELDENKRAIS starb 1984.
Verletzungen an den Knien hatten FELDENKRAIS veranlasst, sich damit zu beschäftigen, wie man sich trotz eines solchen Handikaps bewegen kann. Er fand einen Weg, indem er das Skelett, die Muskelspannung und die physikalischen Gesetze (Schwerkraft, Hebel etc.) optimal nutzte. Sein physikalisches Wissen und seine Erfahrungen aus dem Judo beeinflussten ihn bei diesen Überlegungen stark. Weitere Einflüsse kamen aus den Gebieten der Neurophysiologie, der Psychologie und der Verhaltensforschung. Während vieler Jahre entwickelte FELDENKRAIS daraus seine Methode. Man kann sie als handlungsorientierte Lernmethode beschreiben. Über das Medium „Bewegung“ wird das Nervensystem unterrichtet.


Allgemeines zur Methode

Die Feldenkrais-Methode® ist ein bewegungspädagogisches Konzept3 zur Verbesserung kognitiv-neuronaler Funktionen. Basis der Methode ist die Fähigkeit des Menschen, sein Leben lang sensomotorisch lernen zu können. Die Plastizität des Nervensystems, d. h. seine grundsätzliche Fähigkeit, unbegrenzt zu lernen, ermöglicht dies.
Die Methode wird auf zwei Arten unterrichtet. Die „Bewußtheit durch Bewegung®“-Lektionen finden in Gruppen statt. Die Schüler führen Bewegungen aus, die vom Lehrer rein verbal angeleitet werden. Thema der Lektion ist eine Funktion (z. B. in Bauchlage nach einem Gegenstand greifen), die Schritt für Schritt entwickelt und in vielen Varianten durchgespielt wird.
Lektionen in „Funktionaler Integration®“ sind Einzelstunden, in denen sich der Schüler eher passiv verhält. Der Lehrer berührt und bewegt den Körper des Schülers und löst damit Reaktionen der propriozeptiven und sensomotorischen Wahrnehmung aus. Die Stunde ist nicht vorstrukturiert, sondern entwickelt sich dynamisch, im Rahmen der Bewegungsentwicklung den aktuellen Bedürfnissen des Schülers folgend. Auf diese Art wird auch mit mit schwer- und mehrfachbehinderten Menschen gearbeitet.
Indikationen für die Feldenkrais-Methode sind u. a. Haltungs- und Bewegungsstörungen, psychomotorische Entwicklungsstörungen, sensomotorische Ausfälle im Alter, aber auch Angstneurosen und Depressionen.
Die Ausbildung zum Feldenkrais-Lehrer ist berufsbegleitend und beinhaltet innerhalb von 4 Jahren 160 Ausbildungstage. Die Qualitätsrichtlinien der Ausbildungen wie auch die für die Arbeit der Lehrer werden durch die nationalen Feldenkrais-Gilden3 festgelegt, international abgestimmt und überprüft.


Grundlagen der Methode

Die Persönlichkeit
Feldenkrais geht in seinem Konzept davon aus, dass die Persönlichkeit des Menschen durch 3 Elemente geprägt wird: die Vererbung, die Erziehung und die Selbsterziehung. Die ersten beiden sind im Gegensatz zur Selbsterziehung durch das Individuum nicht beeinflussbar. Die Selbsterziehung ist verknüpft mit der persönlichen Reifung. Sie ist von individuellen Entscheidungen abhängig. Und sie muss sich mit den Erwartungen der Gesellschaft wie auch mit persönlichen Ein- und Vorstellungen auseinandersetzen.
Über den Weg der Selbsterziehung können die Funktionen des Körpers und des Geistes bewusst verbessert werden. „Ein jeder bewegt sich, empfindet, denkt, spricht auf die ganz ihm eigentümliche Weise, dem Bild entsprechend, das er sich im Lauf seines Lebens von sich gebildet hat. Um Art und Weise seines Tuns zu ändern, muß er das Bild von sich ändern, das er in sich trägt.“5

Das Selbstbild
Die Selbsterziehung wirkt auf das Selbstbild und verändert dies. Jede dieser Veränderungen hat Einfluss auf das Nervensystem. In Folge davon verändert sich auch das Gesamtbild der sensomotorischen Projektionsfelder der Gehirnrinde.
Für FELDENKRAIS besteht das Selbstbild aus vier Elementen, die zu einem untrennbaren Ganzen verbunden sind: Bewegung, Sinnesempfindung, Gefühl und Denken. Die Veränderung eines Elements zieht eine Neuorganisation des gesamten Selbst-

bildes nach sich. FELDENKRAIS geht davon aus, „daß die Einheit von Geist und Körper eine konkrete Realität ist, daß sie keine in irgendeiner Weise verbundenen Dinge, sondern in ihren Funktionen ein untrennbares Ganzes sind.“6 Als Ansatzpunkt für die Veränderung des Selbstbildes wählt er das Element Bewegung. Die Optimierung der Bewegungsorganisation wird in seiner Methode über die Verbesserung der propriozeptiven Wahrnehmung eingeleitet.

Organisches Lernen
Das Konzept der Feldenkrais-Methode geht davon aus, dass die Veränderung des Selbstbildes durch Lernen geschieht. FELDENKRAIS führt hier den Begriff des Organischen Lernens ein. Organisches Lernen ist die Art des Lernens, mit der ein Kleinkind von Geburt an Schritt für Schritt in seiner Entwicklung voranschreitet.
Das Neue wird gespürt und als ganzheitlicher Zustand, als Gefühl oder Bild erfasst - nicht sprachlich und nicht logisch. Organisches Lernen ist kein Erwerb von mehr Wissen, sondern das Vertrautwerden mit dem Potenzial des eigenen Nervensystems und dessen optimale Nutzung. Diese Art zu lernen ist handlungsorientiert, lustbetont und konzentriert. Sie lebt von vielen variierenden Wiederholungen und nutzt die taktil-kinästhetischen und die propriozeptiven Wahrnehmungskanäle.
Voraussetzung für Organisches Lernen ist die Sensibilität der Wahrnehmung. Die Sensibilität wird durch Senken des Anstrengungsniveaus differenzierter. Auf dieser Basis kann sich durch Organisches Lernen eine verbesserte Ausführung von Bewegungsabläufen entwickeln. Ziel ist eine bessere motorische Kontrolle („Bewusstheit“) und dadurch eine Verbesserung aller Funktionen aller Elemente des Selbstbildes.
Gerichtete Aufmerksamkeit und variantenreiches Wiederholen der Lösungsversuche einer Bewegungsaufgabe stehen im Zentrum des Organischen Lernens. Es ist kein Üben im Sinne ständiger Wiederholung der Mittel, die zur Lösung eines motorischen Problems führen, sondern ein Üben im Sinne eines Prozesses des fortwährenden Problemlösens. Die angewandten Techniken sollen sich dabei von Versuch zu Versuch ändern und verbessern. Organisches Lernen kann nur in der Auseinandersetzung mit der dinglichen Umwelt und eingebunden in einen sozialen Kontext erfolgreich sein.


Bewegung als Funktion
Unsere Handlungen sind zielgerichtet und geordnet. Sie dienen dem Zweck, etwas zu tun, das für uns im Verhältnis zur Welt von Bedeutung ist. FELDENKRAIS bezeichnet diese komplexen und zielgerichteten Bewegungen mit dem Begriff Funktion. Der Säugling kommt mit einer Ausstattung von Primärreaktionen zur Welt. Diese Primärreaktionen wandeln sich im Laufe der Entwicklung zu willkürlichen Bewegungsmustern und diese Bewegungsmuster verbinden sich zu zielgerichteten Funktionen.7
Eine Bewegung gewinnt erst Sinn, wenn sie als zielgerichtete Funktion auch einen kognitiven, emotionalen und sensorischen Hintergrund hat. Das bedeutet, dass in einer Funktion alle Teile des Selbstbildes angesprochen werden. Für eine Funktion gibt es in der Regel mehrere Möglichkeiten der Ausführung. In einer konkreten Situation ist eine davon die effizienteste. Durch das Ausprobieren unterschiedlicher Alternativen, wie es z. B. das Baby macht oder wie es auch in der Feldenkrais-Lektion geschieht, werden neue Bahnen und Vernetzungen im Gehirn erzeugt. Dadurch wird ein größerer Teil des individuellen Potenzials des Gehirns genutzt. Wenn er sein Potential umfassend nutzen kann, stehen dem Menschen mehr Funktions- oder Handlungsmöglichkeiten zur Wahl.
Der Feldenkrais-Lehrer hat die Aufgabe, den Menschen, mit dem er arbeitet, so zu unterrichten, dass sich dessen Wahlmöglichkeiten erhöhen. Dabei spielt es keine Rolle, ob er mit einem Kind oder einem Erwachsenen, einem behinderten Menschen oder jemandem mit einer akuten Störung arbeitet. Der Lehrer kann die Funktionen seines Schülers nach dem Kriterium der Bewegungsqualität beurteilen. Und er unterrichtet seinen Schüler darin, die Qualität seiner Bewegungen selbst besser wahrzunehmen – d. h. zu spüren, ob sich seine Bewegungen z. B. geschmeidig und mühelos anfühlen.
Neben dieser funktionalen Qualität sagt natürlich auch die Qualität des Zusammenspiels verschiedener Funktionen etwas über den Entwicklungsstand eines Menschen aus. Und schließlich stellt sich die Frage, wie die Vielzahl der Funktionen in die Gesamtheit des Selbstbildes integriert ist.
Gerade in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen ist ein Beobachtungsansatz, der sich auf die Funktionen konzentriert, eine wirkungsvolle Ergänzung.8 Angeschaut wird in der Feldenkrais-Methode die Fähigkeit eines Menschen, seine Absicht in eine Aktion umzusetzen, die ihn an sein Ziel bringt. Die Mittel, die er dafür wählt, sind nicht allein ausschlaggebend für die Bewertung des Entwicklungsstandes. Sondern es wird nach der Funktionalität und der Qualität der Ausführung gefragt, und es ist z. B. primär nicht entscheidend, ob der Mensch gegangen oder gerollt ist, um zu seinem Ziel zu gelangen. Diese Betrachtungsweise erleichtert es der Feldenkrais-Lehrerin, Abstand davon zu nehmen, ein Kind nur durch die Brille der idealen Bewegungsentwicklung zu sehen. Die Aufmerksamkeit wird eher auf das individuelle Ideal – bzw. auf die individuellen Möglichkeiten – gerichtet.


Die Feldenkrais-Arbeit mit mehrfachbehinderten Kindern

Wenn man nur wenig Erfahrung mit der Feldenkrais-Methode hat, ist es sicher schwer, sich vorzustellen, auf welche Weise schwer- und mehrfachbehinderte Kinder von dieser Methode profitieren können. Im Folgenden sollen die grundlegenden Bestandteile der Feldenkrais-Arbeit mit diesen Kindern und deren Übertragung in den Alltag dargestellt werden.9

Schaffen optimaler Rahmenbedingungen
Wichtiges Grundprinzip ist, dass sich das Kind sicher und wohl fühlt. Vorraussetzung ist Offenheit für die Signale des Kindes. Gerade Therapeutinnen haben manchmal bestimmte Erwartungen und Vorstellungen, die ihren Blick einengen. Aber damit man zusammen arbeiten kann, müssen beide, Kind und Lehrerin, offen und neugierig sein, ähnlich wie ein Kind beim Spielen.
Zahlreiche Lektionen, die Feldenkrais entwickelt hat, beginnen in einer liegenden Position. In der Horizontalen ist der Körper freier von Haltearbeit und eher für Spürerfahrungen bereit. So kann eine Stunde in Rückenlage beginnen, eine andere in Seitenlage. Andere Ausgangspositionen erinnern an Entwicklungsphasen von Kleinkindern, wie Kriechen oder Krabbeln. Jede Ausgangsposition soll bequem und schmerzfrei einzunehmen sein. Es gibt keine starre Reihenfolge von Positionen, die das Kind durchlaufen muss. Entscheidend ist immer, was für das Kind im jeweiligen Moment möglich und zugleich angenehm ist. Es bietet sich an, in der „Lieblingsposition“ des Kindes zu beginnen.

Nonverbaler Dialog
Durch Beobachtungen und Bewegungsanalysen erfährt die Feldenkrais-Lehrerin, welche Bewegungen das Kind leicht und welche es nur mühsam ausführen kann. Das Kind hat Absichten, aber es fehlen ihm die Mittel, sie in die Tat umzusetzen. Ein Grund dafür könnte mangelnde Bewegungsfreiheit sein. Die Feldenkrais-Lehrerin kann dann z.B. dem Kind das Gewicht seines Armes abnehmen und ihm damit ermöglichen, seine Armbewegung selbstständig auszuführen.
Beginnen sollte man immer mit Bewegungsangeboten, die dem Kind leicht fallen. Das Kind braucht sich dabei nicht anzustrengen. Geführte, leichte Bewegungen, die die vorhandenen Bewegungsmuster des Kindes unterstützen, schaffen eine vertrauensvolle Atmosphäre. Lehrerin und Kind kommunizieren in diesem Bewegen und Bewegtwerden, in dem Erspüren von Reaktionen und Veränderungen in einem nonverbalen Dialog. Hinter dem Ansatz, mit dem Muster des Kindes zu gehen, steht auch die Überzeugung, dass pathologische Muster individuelle, für das Kind sinnvolle Lösungen sind, die nicht bekämpft werden müssen. Die Verstärkung eines vorhandenen Musters führt sogar dazu, dass es variabler wird.

Raum für neue Bewegungen
Wenn durch die Vorbereitung eine vertrauensvolle Basis geschaffen worden ist, kann sich das Kind Neuem öffnen. Je besser die Feldenkrais-Lehrerin den Entwicklungsstand des Kindes einschätzen kann, je größer ihr Angebot an angemessenen Bewegungsvarianten ist, umso besser wird sie auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen können. Dabei kommen ihr fundierte Kenntnisse über die Bewegungsentwicklung zu Hilfe. Noch wichtiger ist aber wohl die Erfahrung der Bewegungsstunden ihrer eigenen Feldenkrais-Ausbildung, die die kindlichen Bewegungsmuster in allen Nuancen zum Thema hatten.
In der Feldenkrais-Methode wird Bewegung verstanden als ein dynamisches, sich veränderndes System, das ständiger Adaptation und Regulation bedarf. Es gibt keine vereinfachende Aufteilung in „richtige“ und „falsche“ Bewegungen. Immer geht es um eine möglichst optimale Nutzung von vorhandenen Ressourcen, um so ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Natürlich können bei neurologischen Erkrankungen keine strukturellen Defekte geheilt werden. Die Erfahrung zeigt aber, dass selbst bei umfassenden zentralen Schädigungen ein großes Kompensationspotential zu aktivieren ist.
Besonders bei einem schwer mehrfachbehinderten Kind neigt man dazu, ihm Maßnahmen überzustülpen, die sich immer mit dem befassen, was das Kind nicht kann. Diese Kinder haben nur wenige Möglichkeiten, sich zu wehren, und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Therapie über sich ergehen zu lassen.
Die Feldenkrais-Methode ist nicht defektorientiert. Bei Seitendifferenzen wird man z. B. immer mit der besser organisierten Seite beginnen. Dadurch fühlt sich das Kind in seiner ganzen Person angenommen. Gerade therapieerfahrene Kinder merken auf, weil man ihre Fähigkeiten anspricht. Außerdem geht die Methode auch davon aus, dass gezielte Erfahrungen der einen Seite Lernerfahrungen der anderen Seite erleichtern.
Auch bei muskulären Dysbalancen wie z. B. einer erhöhten Beugespannung im Rumpf arbeitet man nicht gegen das Muster. Schon das Anbieten von Varianten desselben Musters führt zu einer Harmonisierung des Zusammenspiels von Beuge- und Streckmuskulatur. Das globale Beugemuster wird durch die zahlreichen Variationen differenziert. Am Ende zeigt das Kind aber nicht nur ein differenzierteres Beugemuster, sondern kann z. B. auch aufrechter im Rollstuhl sitzen. Dies erklärt sich dadurch, dass das alleinige Arbeiten mit den Beugern zwangsläufig auch zu einer Stimulierung der Rückenmuskeln führt. Ursache dafür ist kein Dehnen, sondern ein besser organisiertes Zusammenspiel von Agonisten und Antagonisten.
Jede Einschränkung der Bewegungsfähigkeit, auch wenn sie nur auf einen kleinen Teil des Körpers begrenzt ist, hat Auswirkungen auf den ganzen Menschen: auf Bewegung, Sinnesempfindung, Gefühl und Denken. Daher beschäftigt sich die Feldenkrais-Methode nicht mit der Bewegungsfähigkeit eines bestimmten Körperteils. Sie hat ihren Fokus darauf, wie eine Funktion organisiert ist und mit welcher Qualität und Differenzierung sie ausgeführt wird. Das heißt für die Arbeit mit dem Kind, dass alle Teile des Körpers wie auch der Persönlichkeit hinsichtlich der Bedeutung, die sie für diese Funktion haben, betrachtet und integriert werden müssen.

Integration in den Alltag
Der Erfahrungsraum, der dem Kind geöffnet wurde, soll ihm auch nach der Stunde noch offen stehen. Dazu sind bei schwer mehrfachbehinderten Kindern Lagerungs- und Bewegungshilfen notwendig. Gedanken zu geeigneten Lagerungspositionen fangen schon bei der Frage nach der Bodenbeschaffenheit an. Wenn ein Kind z. B. gerade lernt, sich auf seine Unterarme oder Hände aufzustützen, darf die Unterlage nicht zu weich und rutschig sein. Hilfsmittel, die es erleichtern, den Oberkörper aufzurichten wie z. B. der Schräglagerungskeil, sollten in dieser Phase weggelassen werden. Das Kind braucht jetzt einen Experimentierraum, um ausprobieren zu können, wo seine Ellenbogen am besten stützen können.
Die Pädagogen müssen sich klar darüber sein, ob sie dem Kind mit einer Lagerungsposition die Erfahrung von Halt und Stabilität geben wollen oder ob die Position Bewegung anregen soll. Sie entscheiden sich damit auch zwischen schützendem Spürraum und aktivierendem Freiraum. Dies ist keine grundsätzliche Entscheidung, sondern muss in jeder Situation aufgrund der Bedürfnisse des Kindes neu entschieden werden. Beide Möglichkeiten müssen dem Kind außerdem variantenreich angeboten werden. Starre Therapiekonzepte und „Lagerungspläne“ sind hier eher behindernd.


Ein Seminar-Konzept

Um die Feldenkrais-Methode in der oben beschriebenen Weise bei einem schwer mehrfachbehinderten Kind anwenden zu können, bedarf es der Ausbildung zum Feldenkrais-Lehrer bzw. zur Feldenkrais-Lehrerin. Außerdem ist ein fundiertes Wissen über Erscheinungsformen, Genese und evtl. Fortschreiten von Behinderungs- und Krankheitsbildern erforderlich.
Nach unseren Erfahrungen mit der Methode erschien es uns als wünschenswert, ihre Grundgedanken an Pädagogen und Therapeuten von Einrichtungen für behinderte Menschen und deren Angehörige weiterzugeben. Wir überlegten uns, dafür ein Seminar mit dem Titel „Vom Bewegen und Halt finden“ anzubieten. Von Anfang an war klar, dass das Selbsterfahren der kindlichen Bewegungsmuster mit Hilfe von Feldenkrais-Lektionen wirkungsvoller und noch wichtiger wäre, als die reine Vermittlung von Wissen. Mittlerweile hat sich aus den Überlegungen ein etwa 14-stündiges Seminar entwickelt.
Grundidee des Seminars ist es, durch Vermittlung von theoretischem Wissen über die Bewegungsentwicklung im 1. Lebensjahr und deren praktische Erfahrung in Feldenkrais-Lektionen Bewusstsein für funktionale Bewegung zu schaffen. Die Lektionen haben jeweils eine bestimmte Funktion aus der motorischen Entwicklung des Säuglings zum Thema, wie z. B. das Drehen vom Rücken auf den Bauch.
Die Verbindung von theoretischem Wissen und Selbsterfahrung führt dazu, dass die Bewegungsmuster eines behinderten Menschen in ihren Möglichkeiten und Grenzen genauer beobachtet und besser verstanden werden. Aus dem Verstehen heraus werden Lagerungsmöglichkeiten entwickelt, die die Stabilität und Funktionalität von Ruhepositionen erhöhen. Es wird über die Frage gesprochen, wie Hilfestellungen so verfeinert werden können, dass die Bewegungsmuster nuancenreicher und weniger anstrengend werden. Beides kann auch in Form von Partnerarbeit praktisch geübt werden. Ergänzt wird dieser Teil des Seminars durch die Vermittlung von Grundannahmen der Feldenkrais-Methode. Und schließlich können Videos gezeigt werden, die einen Einblick in die Vielfalt der praktischen Umsetzung der Feldenkrais-Methode in die Arbeit mit behinderten Kindern geben.10
Das wichtigste Ziel des Seminars ist für uns, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den behinderten Menschen mit mehr Einfühlungsvermögen und besserem Verständnis der Zusammenhänge lagern und bewegen können. Ein weiteres Ziel richtet sich an die teilnehmenden Personen selbst. Sie sollen zu einem besseren Körpergefühl finden und sich funktionaler und effizienter bewegen können. Denn die eigene Bewegungsqualität teilt sich immer auch dem Menschen mit, den man berührt oder bewegt. Die Arbeit an der eigenen Bewegung ist insbesondere für Angehörige, Pädagoginnen und Therapeuten, die schwer und mehrfachbehinderte Menschen fördern und pflegen, unbedingt notwendig.


Abschließende Gedanken

Die Feldenkrais-Methode ist ein pädagogisches Konzept und hat sich nicht im medizinisch-therapeutischen Milieu entwickelt. Die Methode ist sehr weit gefasst und ihre Gedanken lassen sich auf viele Lebensbereiche übertragen. MOSHE FELDENKRAIS war überzeugt, dass die Menschen das Potenzial, das in ihnen steckt, bei weitem nicht ausschöpfen. Sein Anliegen war es, zu lehren wie man lernt und durch Lernen sein Potential erschließen kann. Er arbeitete über die Bewegung, aber meinte immer das Gehirn. Ein unerschlossenes Potential hat jeder Mensch, auch die schwer mehrfachbehinderten Kinder, mit denen wir täglich arbeiten. Diese Kinder brauchen viel Hilfestellung und werden immer von anderen Menschen abhängig sein. Doch können sie mit kleinen Bewegungen, einem Blick oder ihrer Atemfrequenz zeigen, was sie möchten, wie sie in Kontakt mit der Welt sind und was ihnen hilft, sich handelnd in ihr zu entwickeln. Wenn wir mit allen Sinnen aufmerksam auf ihre Signale hören, können sie uns mitteilen, welchen Weg wir mit unserer Pädagogik und Therapie gehen müssen.
Als Feldenkrais-Lehrerin oder Feldenkrais-Lehrer beziehen wir Bewegung, Empfinden, Gefühle und Denken des Kindes in unsere Arbeit mit ein. Wir beschäftigen uns mit dem Potential des Kindes und nicht mit seinen Mängeln. Viele Methoden sagen heute von sich, dass sie ganzheitlich sind und sich nicht an den Defekten orientieren. FELDENKRAIS stand ganz radikal dafür ein und das schon seit den Fünfzigerjahren.
Wir versuchen in unserer Einrichtung, diese Ideen in der Gruppe wie auch in Einzelsituationen mit einem Kind zu verwirklichen. Inzwischen sind zwei weitere Physiotherapeutinnen mit Feldenkrais-Ausbildung zu unserem Kollegium hinzugekommen. Wichtig war es uns, die Gedanken und die Vorgehensweise der Feldenkrais-Methode auch an andere Menschen weiterzugeben, die mit mehrfachbehinderten Kindern leben und arbeiten. Wir hoffen, dass wir Interesse an dieser Arbeit geweckt haben und das Bedürfnis nach einem Einblick in diesen besonderen Ansatz stillen konnten.11

© S. Schwer u. A. Wand / Freiburg 2003

1 Dieser Artikel ist erschienen in: LAMERS, W. / KLAUß, Th. (Hrsg.) ... alle Kinder alles lehren! - Aber wie? Theoriegeleitete Praxis bei schwer- und mehrfachbehinderten Menschen. Düsseldorf 2003
2 www.jksf.de
3 Die Begriffe Feldenkrais-Methode®, Funktionaler Integration® und Bewußtheit durch Bewegung® sind gesetzlich geschützt.
4 www.feldenkrais.de
5 FELDENKRAIS, M.: Bewußtheit durch Bewegung. Frankfurt 1978 (Seite 19)
6 FELDENKRAIS, M.: Organisches Lernen und Bewußtheit. In: CZETCZOK, H.-E. (Hrsg.): Bibliothek der Feldenkrais-Gilde e. V., Nr. 5, 1991 (Seite 5)
7 Zu den Theorien zu Musterbildung und Variationen s. a.: RUSSELL, R. (Hrsg.): Feldenkrais im Überblick. Karlsfeld 1999. Besonders sei hier auf die Darstellung der Forschung von E. THELEN verwiesen.
8 s. a.: Darstellung der Theorie von E. S. REED in: SHELHAV, CH.: Bewegung und Lernen – Die Feldenkrais-Methode als Lernmodell. Dortmund 1999
9 Zu diesem ganzen Themenkomplex s. a.: SHELHAV, CH.,1999
10 SHELHAV, CH.: Arbeit an einer Schule für Geistigbehinderte. Video m. Begleittext. Neuss 1996 im Eigenverlag. (Veröffentlichungen von Ch. Shelhav können über Feldenkraiszentrum, Behringstr.20, 41464 Neuss bestellt werden.)
11 Adressen der Verfasser: Simone Schwer, Physiotherapeutin und Feldenkrais-Lehrerin, Ellengurt 11a, 79424 Auggen, Tel.: 07631 / 16185. Andreas Wand, Dipl. Heilpädagoge und Feldenkrais-Lehrer, Münchhofstr. 4f, 79106 Freiburg, Tel.: 0761 / 381827, andreas.wand@t-online.de

 

Feldenkrais Methode

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