Rhythmusforschung in der Grundstufenklasse 3
Zu Beginn des Schuljahres haben wir von unserem Projekt „ dem Rhythmus auf der Spur“ berichtet. Nun möchten wir Ihnen von unseren Erfahrungen und Entdeckungen erzählen, die den Unterricht für jeden einzelnen Schüler begleiten.
Bis jetzt hatte jede Schülerin und jeder Schüler eine Einzelstunde mit Marion Schnurrenberger. Das war zu Beginn nicht geplant, hat sich aber glücklicherweise so ergeben. Marion meinte kürzlich, wenn sie das im Voraus gewusst hätte, dass sie mit 6 fremden Kindern auf Rhythmussuche gehen würde, sie wäre sich nicht sicher gewesen, ob sie das mitgemacht hätte. Wir sind froh, dass sie es nicht gewusst hat, und mittlerweile ist Marion es auch. Es entstanden bei den Einzelstunden wertvolle und intensive Begegnungen. Die Einzelstunden durften wir filmen. Das entstandene Filmmaterial steht uns nun in Teamsitzungen und Gesprächen, als Anschauungsmaterial und Entscheidungshilfe zur Verfügung.
Aufgrund der Beobachtungen entwickelten wir Ideen und Unterrichtsangebote. Für unsere SchülerInnen ergeben sich daraus, gezielte, individuelle und vielseitige neue Angebote der Wahrnehmung des eigenen Rhythmus.
Gülü wird seitdem bewusster mit harten, klingenden Gegenständen vertraut gemacht. Die Gitarre oder die kleine Harfe eigenen sich gut dafür. Wir hängen ihre Hand oben an den Saiten ein, und mit der Zeit zieht Gülü, begünstigt durch die Schwerkraft, ihre Hand hinunter, und es erklingen die Saiten. Gülü wird deutlich wacher und aufmerksamer. Beim Spiel mit der Gitarre zeigt Gülü Freude und lacht. Sie lässt sich auf die Angebote ein und bringt sich, im Rahmen ihrer Bewegungsmöglichkeiten, aktiv mit ein.
Hannah-Sophia hat ihren eigenen deutlichen Bewegungsrhythmus, den sie durch Klopfen und Kratzen hörbar machen kann. Um Hannah-Sophia den eigenen Rhythmus bewusster werden zu lassen, legen wir sie in die Klangwiege.
Die Klangwiege ist ein halbrunder Raum, an dessen Seiten sowohl außen als auch innen Saiten gespannt sind. Streicht man darüber klingt der ganze Hohlraum mit.
In der Klangwiege kann Hannah-Sophia ihre Bewegungen durch den Klang der Saiten als Schwingung in ihrem Körper und als Ton wahrnehmen. Indem wir Pausen mit der Frage nutzen, ob sie weiter machen möchte, kann Hannah-Sophia eine eigene Entscheidung treffen.
Manchmal gelingt durch Christian, der an der Außenseite die Saiten der Klangwiege anschlägt eine Irritation. Hannah-Sophia hebt dann neugierig den Kopf, um herauszufinden woher der Sound kommt.
Alexander liegt seit seiner Stunde bei Marion immer häufiger auf dem Resonanzboden. Der Resonanzboden ist ein eingefasstes Schwungbrett unter dem sich ein Hohlraum befindet. Auf ihm liegend kann man Geräusche, Töne und Vibrationen intensiv und laut wahrnehmen. Hier spielt Alexander mit unterschiedlichen Materialien und Geräuschen. Ganz besonders gefällt es ihm, eine Klangkugel in eine Hand gelegt zu bekommen, um sie dann nach einer Weile durch eine gezielte Bewegung wegzuwerfen. Wenn die Kugel auf dem Resonanzboden ankommt macht sie einen lauten Knall. Alexander entscheidet, wie lange er den Spannungsbogen halten möchte, und wann er bereit ist die Kugel zu werfen. Oft ist seine Freude an dem Knall so groß, dass er laut juchzend und wild strampelnd seine Freude zum Ausdruck bringt.
Philipp findet in seinem Spiel, „Werfen von Bällen“, neue Varianten. Sein Interesse gilt nun nicht mehr nur dem Ball, sondern er legt den Ball in einen Eimer und holt ihn wieder heraus. Als Steigerung hat uns Arno Konopka eine Kugelbahn gebaut, durch die Tennisbälle rollen können. Diese sind auf ihrer Reise durch Löcher in der Röhre gut zu sehen. Bisher haben wir mit Philipp mit einer Röhre gespielt. In sie steckt er nun selbständig Tennisbälle. Die Kugelbahn ist noch eine Herausforderung für Philipp. Aber wer weiß?
Christian erkundet die Welt über die Beweglichkeit seiner Arme und Hände. Indem wir ihm etwas in den Weg der Bewegung legen, kann er Töne auf der Gitarre erzeugen oder sein Handeln unterbrechen. Christian wird nicht in seinem Tun eingeschränkt, sonder erfährt durch das Anderssein der Situation eine Irritation, die ihn aufmerksam macht.
Dabei kommt es zu intensiven Blickkontakten mit Christian. Die haben es in sich. Schon deshalb lohnt es sich, dran zu bleiben.
Marie genießt Rhythmen, die ihr gefallen.
Sie zeigt ihr strahlendes Lachen, wenn man den richtigen Rhythmus getroffen hat. Dann sind ihre Hände aktiver und ihre Freude ist immer ansteckend. Genauso kann Marei ihre Ablehnung äußern, wenn der Rhythmus ihr nicht entspricht. Ihr „Nein!“ ist eindeutig.
Zusammenfassend können wir sagen, dass Rhythmus immer mit Kommunikation zu tun hat. Sei es mit dem Erleben des Innen und Außen des eigenen Ryhthmus, oder in der Kommunikation mit der Welt. Er ist die Balance zwischen Stabilität und Instabilität.
Das Projekt schärft unseren Blick für das Rhythmusgefühl der SchülerInnen. Die scheinbar „automatisierten, Bewegungsmuster“ werden hörbar und spürbar gemacht, und führen durch diese Irritationen zu einem anderen Erleben des Soseins. Ganz bewusst halten wir uns mit Handführungen, Aufforderungen oder anderen Korrekturen zurück und übernehmen „nur“, was vom Kind selbstverständlich da ist, um genau dieses erfahrbarer zu machen. Bei manchen der SchülerInnen können wir mit dem Zählen 1-2-3, eine Erwartungshaltung aufbauen. Wann der oder diejenige eine Bewegung macht ist ihr/ihm überlassen. Das macht eine Handlung vorhersagbar.
Geplant ist, in den kommenden Monaten die individuellen Rhythmen der einzelnen SchülerInnen zu einem gemeinsamen Rhythmus zusammen zu führen.
Einen Versuch mittels des Resonanzbrettes, alle Kinder an einen “Tisch“ zu bringen, war leichter als gedacht.
Mit Marion Schnurrenberger wird demnächst ein Teamgespräch stattfinden.
Mit ihr und allen 6 Kindern sind danach 2 oder 3 gemeinsame Stunden geplant.
Vielleicht gibt es dann noch einmal etwas zu berichten.
Barbara Gawlowski |